re-reeducation - Fritz Bossert Hamburg

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Teil 2 | Hintergrund "Re-Reeducation"
Der Ursprung

Für die New Yorker Ausstellung “SOFTWARE. Information technology: its new meaning for art”  bauten Studenten der Maschinenarchitektur-Gruppe des M.I.T. 1970 die computergesteuerte Versuchs-anordnung “Seek” .

Seek” war eine Maschine, die sowohl als kybernetisches Weltmodell wie als behavioristisches Experimentallabor konzipiert war und von einem kleinen Allzweckrechner gesteuert wurde. Im Gegensatz zu einem einfachen Ein-/Ausgabe-Peripheriegerät war “Seek” ein Mechanismus, der die physische Umgebung erfühlen, sie beeinflussen und versuchen sollte, mit unerwarteten lokalen Ereignissen innerhalb der Umgebung zurechtzukommen.

Ein computergesteuerter Roboterarm war Herr über eine kleine Stadt aus Metallwürfeln, die in einem bestimmten Grundriss angeordnet waren, der im Rechner gespeichert war. Die Würfel bildeten gleichzeitig das Aktionsfeld und den Lebensraum einer kleinen Gruppe von mongolischen Wüstenrennmäusen. Die Tiere stießen gegen die Würfel, zerstörten deren Aufbau und brachten die Stadtlandschaft zum Einsturz.

Das Ergebnis war Chaos und ein beträchtlicher Unterschied zwischen der dreidimensionalen Wirklichkeit und dem gespeicherten Grundriss im Steuercomputer. Dessen Aufgabe war es nun, diese Abweichungen zu analysieren und daraus Muster für eine Vorhersage des Verhaltens der Tiere zu entwickeln.

Die Ausstellung “SOFTWARE” kann als einer der ersten Versuche betrachtet werden, Anstrengungen zur Erforschung des kreativen Potentials der Informationstechnologie und Formen der Konzeptkunst zusammenzubringen. Die Ausstellungskonzeption war beeinflusst von Kybernetik und einem systematischen Denken, das die Welt als ein Über-System aus vielen kleinen miteinander interagierenden Subsystemen ansah. Auch Kunst erschien nun als Informationssystem und sollte aktiver Mitspieler bei der Entwicklung von Methoden der Modellbildung und Konzeption für statistische Beschreibungen von kulturellem und sozialem Verhalten auf der visuellen Ebene sein.
© Lutz Dammbeck / Foto Bertram Kober
Krieger mit Krallen

1867 entdeckte und fing der französische Pater Abbé Armand David drei Exemplare einer bis dahin unbekannten Art von “gelben Ratten mit langen behaarten Schwänzen”. Er sandte diese Tiere an den Direktor des Naturkundemuseums von Paris, Monsieur Milne-Edwards, der den Tieren den Namen Meriones unguiculatus - Krieger mit Krallen gab.

1935 wurden zwischen Manschurei und Mongolei 20 Paare der Mongolischen Wüstenrennmaus gefangen und in das Kitasato-Institut gebracht. 1949 wurde im Zentrallabor für Versuchstiere in Tokio eine weitere Kolonie gegründet, aus der 1954 elf Paare zur Zucht nach Brant Lake in Amerika gesandt wurden. Von hier gelangten später Mongolische Rennmäuse an viele Institute und Universitäten in Amerika und Europa. Somit wären die Rennmäuse für die Ausstellung “SOFTWARE” 1970, über mehrere Generationen hinweg, mit denen in Lutz Dammbecks Installation verwandt.

Meriones unguiculatus sind sehr sozial und leben mit mehreren Generationen in Familienverbänden. Meist geht der gesamte Verband (15-20 Mitglieder) von einem Paar aus. Die Tiere sind monogam, sie halten keine Winterschlaf und sind sowohl tag- als auch nachtaktiv. In den frühen Morgen- und Abendstunden kommt es zu einem Aktivitätshoch, wobei die Tiere einer Gruppe synchron aktiv sind. Ausgewachsene  Tiere sind 60 bis 120 g schwer. Der Rumpf ist zwischen 10 bis 14 cm lang, die Schwanzlänge beträgt ca. 11 cm.
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Umerziehung der Umerzogenen (Re-Reeducation)                            

Im  Mittelpunkt der Installation “Umerziehung der Umerzogenen  (Re-Reeducation)” steht der Nachbau von “Seek”. Lutz Dammbeck hat mit  einem Team von Technikern, Informatikern und einem Wissenschaftler des  Instituts für Zoologie/Biologie der Martin-Luther-Universität  Halle/Wittenberg die Versuchsanordnung nachgestellt und mit anderen  Elementen wie einer Handbibliothek und einem Schriftzug “Behavioral  Sinks” in einer Montage zusammengeführt. Die einzige Veränderung  gegenüber dem Original von 1970 ist, dass die Rennmäuse einen Rückzugs-  und Ruheraum haben, der nur begrenzt einsehbar ist und so selber  entscheiden können, ob sie mitspielen wollen oder nicht. “Re-Reeducation” war vom 30.01.-26.04.2009 Teil der Ausstellung “MAN SON  1969 - Vom Schrecken der Situation” in der Hamburger Kunsthalle.


Lutz Dammbeck

Der  1948 in Leipzig geborene Filmemacher und Grafiker ist Professor für  Neue Medien an der Hochschule für bildende Künste in Dresden und lebt in  Hamburg und Dresden. Mit der Installation “Umerziehung der Umerzogenen”  setzt Lutz Dammbeck seine künstlerische Arbeit zum Thema  Kunst-Macht-Wissenschaft fort, die er mit dem “Herakles Konzept” Anfang  der 1980er Jahre begann und unter anderem mit dem international  erfolgreichen Dokumentarfilm “Das Netz” (D 2003, SWR/Arte) und der  kontrovers diskutierten Ausstellung “PARANOIA” (Akademie der Künste,  2006) fortsetzte.

                        
weiterführende Links:

“Das Netz”  www.t-h-e-n-e-t.com
Hamburger Kunsthalle   www.hamburger-kunsthalle.de
Mongolische Wüstenrennmäuse   https://de.wikipedia.org/wiki/Mongolische_Rennmaus


Danksagung!

Wir  bedanken uns bei Lutz Dammbeck für die freundliche Genehmigung, die  obigen Informationen aus seinem Handout zu “Umerziehung der Umerzogenen” zu zitieren bzw. zu entnehmen sowie für die Nutzungserlaubnis  der oben rechts zu sehenden Bilder (© Lutz Dammbeck/Fotos Bertram Kober)!
                                                               
© Copyright:
- “Umerziehung der Umerzogenen (Re-Reeducation)”  © Lutz Dammbeck
- Bilder oben rechts © Lutz Dammbeck / Fotos Bertram Kober
- alle anderen Fotos © Peter Keunecke



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